Gert Heidenreich�2005
Nährstoff des Neides
Ich sei „Deutschland", wurde mir zu meiner Überraschung kürzlich mehrfach unverlangt
auf appellativen Werbeseiten vorgehalten. Kurz darauf teilte die Bundeskanzlerin
Deutschlands mit, sie wolle mehr Freiheit wagen. Lese ich ihr Bekenntnis zusammen
mit der Mitteilung, dass ich Deutschland sei, muss ich daraus schließen, dass
meine Kanzlerin mehr Freiheit für Deutschland, also für mich, wagen will. Das ist
schön. Einem altgewordenen 68 kann, meint man, nichts besseres versprochen werden.
Ein wenig Skepsis nehme ich dann doch für mich in Anspruch. In Zeiten, in denen
ich als Bürger nachhaltig gedrängt werde, nach vorn zu sehen, blicke ich als Privatmann
gern zurück. Gern auch sehr weit. Im Vierten vorchristlichen Jahrhundert stoße
ich auf den Satz: Man muss dafür sorgen, dass der Gegensatz der Reichen und Armen
sich möglichst ausgleicht oder dass der Mittelstand wächst.
Die Forderung stammt aus der Staatslehre des Aristoteles von Stageira, einem
Werk, dessen anhaltende Aktualität mich immer wieder fasziniert. Ihm zufolge kommt
es in der Demokratie auf zwei wesentliche Elemente an: Freiheit (? ??? ????? ) und
Gleichheit (?? ???? ?? ), wobei erstere auch Unabhängigkeit meint und letztere sowohl
Rechtsgleichheit als auch Gleichberechtigung. Beide Grundelemente erst erlaubten
dem Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm angenehm ist.
Fügen wir der Vollständigkeit halber noch eine weitere aristotelische Forderung
hinzu: Namentlich muss man bedacht sein, durch die Gesetze die Verhältnisse so zu
regeln, dass niemand aufkommen kann, der allzu mächtig ist durch Anhang oder
Reichtum.
Nun fällt auf, wie weit wir es gebracht haben: In nahezu jeder Hinsicht versagt die
gegenwärtige Gesellschaft vor den fast zweieinhalbtausend Jahre alten demokratischen
Grundforderungen. Ja, träte heute einer wie Aristoteles auf und würde die Einlösungen
oder Einhaltung seiner Regeln fordern, er wäre sofort mit dem Vorwurf konfrontiert,
dass er der Neidgesellschaft das Wort und den Standort Deutschland ins
Abseits rede.
Ich habe seit Jahren mit wachsender Unruhe beobacht, wie in unserer Republik
reflexartig das Wort Neid ausgestoßen wurde, wenn man auf den zerbrechenden,
wenn nicht zerbrochenen sozialen Zusammenhang der Gesellschaft hinwies. Wenn
man fragte, ob es eigentlich gerecht und nötig ist, Glücklosigkeit im öffentlichen Amte
mit Abschiedssummen zu vergolden, die mancher Betriebskrankenkasse aus ihrer
Zahlungsnot helfen würden.
Dachte einer darüber nach, Vermögen zu besteuern, rief es aus vermögenden Etagen
noch vor Kurzem herab: Neidsteuer! Nun wird eine Reichensteuer erwogen,
gegen die sich nur deshalb nicht derselbe Neidvorwurf erhebt, weil die enttäuschenden
Wahlergebnisse der CDU gezeigt haben, wo die Erträglichkeitsgrenze in Deutschland
liegt. Man hält jetzt doch lieber erst einmal still, um nicht noch mehr Diskussion des
krankhaften Gefälles zwischen Reich und Arm in Deutschland zu riskieren. „Wir sind
Deutschland"? Ja, schon: die einen leben in der Krise, die anderen von ihr.
Wurden in der Presse die astronomischen Abschlagszahlungen für entlassene
Spitzenversager angeprangert, schrie sofort die Lobby der Vorstände: Neidgesellschaft!
Denn auch ihr Versagen konnte eines Tags zur Debatte stehen. Darum ist der
Wille zur Solidarität heute in den Chefetagen höher als der Wille zur Konkurrenz. Nun
hält man lieber still, bequemt sich mancherorts sogar zur Einsicht, so mancher Manager
habe sich wohl verstiegen. Was, wie wir nun wissen, nicht nur in finanzieller sondern
auch in libidinöser Hinsicht gilt.
Auch hinter solchen Feststellungen wird gewiss Neid vermutet, so als würde ich
das Geld denen neiden, die es – verdienen. Ist das wahr? Leben wir in einer Neidgesellschaft,
repräsentieren wir sie? Empfinden wir die Gleichzeitigkeit von Spitzengewinnen
und Massenentlassungen nur darum als pornografisch, weil wir den Vorständen,
Aufsichtsräten und Managern ihre Apanagen neiden? Und was meint es eigentlich,
wenn uns unterstellt wird, wir schürten den Neid der Arbeitslosen auf die Spitzenverdiener?
Ein gerichtetes, missgünstiges Gefühl gegenüber Einzelnen oder Gruppen wegen
eines Wertes, dessen Besitz dem Neider nicht gegeben ist. So definiert der Brockhaus
den Neid. Schenkt man dem Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos Glauben, ist
der Neid ein Übel, das die Seele martert, den Körper verdorren lässt, hohläugig
macht, blass und dürr, und den Leib zerfrisst wie die Motte ein Kleid.
Traditionell gehört der Neid zu den sieben Todsünden. Für den Apostel Paulus ist
er ein Werk des Fleisches. Laut Friedrich Schiller aber hat er scharfe Augen, und
Bertrand Russell zufolge bildet der Neid gar die Grundlage der Demokratie. Doch
Russell gilt als Anarchist. Immerhin wissen wir, welche Farben diese Variante der
Missgunst trägt: Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid, heißt es
im Grimm’schen Märchen von Schneewittchens Stiefmutter. Die Dame wird aus Neid
mehrere Mordanschläge unternehmen.
Und auch hier soll heute die Rede sein von dem Zusammenhang, dem möglichen,
zwischen Neid und Gewalt.
Erschrecken Sie bitte nicht – ich will nicht in die Fußstapfen des Kollegen Hochhut
treten, der mit seinem McKinsey-Stück angeblich das Leben deutscher Bänker bedroht;
ich winke nicht mit der Idee des Tyrannenmords; aber ich will versuchen, öffentlich
darüber nachzudenken, was mit unserer Gesellschaft los ist, die meiner Beobachtung
nach wissentlich auf ihren Zerfall zusteuert. Also spreche ich nicht aus Neid auf
jene, die verdienter oder unverdienter Maßen über großen Reichtum an Geld und Privilegien
verfügen. Ich weiß auch nicht, ob es sich damit so verhält, wie Schopenhauer
uns lehrt: Der Reichtum gleicht dem Seewasser – je mehr man davon trinkt, desto
durstiger wird man. Mag sein, er hat recht; mir fehlt die Erfahrung; ihm fehlte sie übrigens
auch.
Ich spreche aus Sorge. Aus Furcht. Denn ich kann, zumal mit Blick auf die Geschichte,
nicht glauben, dass die weithin empfundene Unsicherheit und die verbreitete
Fassungslosigkeit angesichts von Vergeudung und unverhältnismäßig wachsenden
Einkommensunterschieden auf Dauer von Geduld begleitet oder durch Kontrolle ruhiggestellt
werden kann – jedenfalls durch keine Kontrolle, die sich noch mit den Prinzipien
des Rechtsstaates vertrüge.
Anders gesagt: ich fürchte mich vor einer Akkumulation von Unzufriedenheit,
durchwirkt und verstärkt von Existenzangst; vor dem Überschlag des gegenwärtig
deutlich zu vernehmenden Zorns in besinnungslose Wut. Gegen wen die sich richten
würde, ist geschichtlich bis in unsere Zeit hinein hinreichend belegt: gegen alle. Niemand
hat je für irgendwen Sicherheit garantieren können, wenn erst Zerstörung als
gerecht, Gewalt als hilfreich galten.
Da rettet dann keine Nachbarschaft. Wir haben sämtliche Bilder parat. Da wird
nicht fein unterschieden zwischen politischen, sozialen, religiösen Motiven, zwischen
Jungen und Alten, Kindern und Greisen. Ist erst einmal die Zivilisation entkräftet, erhebt
sich Barbarei. Zerfällt das Regelwerk unseres Alltags, wird auch der Freund zum
Feind. Nahezu jeder von uns ist derart gefährdet, nahezu jeder dafür talentiert. Auch
Kultur schützt nicht. Denn das Hindernis für die Barbarei ist nicht die Kultur. Sondern
die Zivilisation. Sind wir als zivilisierte Wesen nicht mehr gefordert, garantiere keiner
für sich! In jedem, sieht er sich in die Enge getrieben, lauert ein Barbar.
Die Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und
Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Zurückgehende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust
der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in
der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität
und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und
Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden
Gebühren – und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung.
Wie auf einem Barometer lässt sich das Klima ablesen. Noch scheint es einigermaßen
gut zu sein. Solange keiner ans Deckglas des Messinstrumentes klopft und die
Nadel in den Unruhe-Bereich zuckt.
Hie und da hört man Ermahnungen, kleine Empörung muckt auf, und weil für alles,
was nicht wunschgemäß verläuft, die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, gibt
es auch öffentlich Globalisierungsgegner.
Wo bleiben die Gegner unserer hausgemachten Selbstgefährdung? Welche der
Volksparteien hat soziale Verhältnismäßigkeit, humanistisches Menschenbild und die
Gleichheit der Chancen sich nicht nur auf die Fahne, sondern als zwingende Selbstverpflichtung
in ihre Handlungsentwürfe geschrieben? Sich nur christlich zu nennen
oder sozial oder demokratisch oder alles zugleich, kostet nichts und ist nicht mehr
wert als des Kaisers neue Kleider. Die Megaphone verstärken jeden Text, und sei er
noch so verlogen.
Warum eigentlich sind die Gewerkschaften in einem Augenblick verstörend hoher
Arbeitslosigkeit von einer programmatischen und rhetorischen Schwäche befallen, die
man nur mit Entsetzen betrachten kann?
Was ist mit einer Verwaltung los, deren Dienstleistung zunehmend darin besteht,
die Arbeit, für die sie entlohnt wird, auf Steuerkosten nach außen zu verlagern, und
die dann Beratung nennt, was nichts anderes ist als Minderung der eigenen Verantwortung
bei Vervielfachung der öffentlichen Ausgaben? Hier ist weder Dienst, noch
Leistung, und die Bedeutung von dienen, nämlich behilflich und nützlich sein, scheint
ebenso verloren wie der Inhalt des Wortes Dienst: es meint die pflichtgemäße Ausübung
einer Tätigkeit und nicht bloß die körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz.
Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann
Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der
private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja
nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so. Und wer will schon als nöckernder Greis dastehen,
der jammert, früher sei alles besser gewesen...
Was aber, wenn es stimmt? Wenn nicht nur der alte Aristoteles um Vieles klarer
gedacht hat als alle hochmögenden Kommissionen in Berlin? Wenn auch Verhältnisse,
nicht alle freilich, wenn auch politische Reden, freilich nicht jede, wenn auch das Bildungsniveau,
nicht bei allen freilich, mal besser waren, als sie heute sind? Muss man
da nicht nöckern, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen und sich dem Vorwurf
auszusetzen, man nehme der Jugend den Mut zur Zukunft.
Hilft man der jungen Generation, wenn man sie erst um ihre Chancen bringt und
dann auch noch über die Zeit belügt, in der sie lebt?
Du sollst keine Angst machen, lautet eine der Regeln, die wir aus den Achtziger Jahren
mitbekommen haben. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ja, als Ratgeber taugt
sie nicht, aber als Anfang des Zweifels ist sie nicht schlecht. Im Übrigen wird derzeit
so viel Angst gemacht wie noch nie.
Die Spezialisten für Angst-Schlagzeilen können die Lettern nicht groß genug wählen,
wenn es um die Abschläge bei den Renten geht, um die Ausbildungsabgabe, die
angeblich Kleinbetriebe in den Ruin stürze. Um Benzinpreise, Medikamente, Pflegekosten.
Über Geld wird andauernd geredet und geschrieben. Nur nicht über den Reichtum.
Und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen. Nicht darüber, dass die Jahre,
in denen hier so viel und laut geklagt wurde, für die Superreichen eine ausgezeichnete
Erntezeit waren.
Das private Gesamtvermögen aller, vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes
gezählten Milliardäre stieg 2005 auf 2,2 Billionen US$. Die Liste der Milliardäre –
es sind 691 – wird angeführt von Bill Gates: er gewann in diesem Jahr zu seinen 46,6
Milliarden US$ 4,5 weitere Milliarden hinzu. Unter den ersten zwanzig der Reichsten
der Reichen – wir sprechen da von einem persönlichen Vermögen zwischen rund 15
und 50 Milliarden US$, ist auch Europa vertreten: zwei aus Deutschland, einer aus
Frankreich, einer aus Italien namens Berlusconi, einer aus Schweden. Also keiner aus
Russland, Großbritannien, Spanien. Aus den USA sind es 13, darunter die Mitglieder
der Familie Walton, deren Gesamtvermögen dank Wal-Mart 90 Milliarden beträgt. Die
Scheichs von Saudiarabien und Brunei sind in der Liste nicht geführt.
Werden unsere top two, die Aldi-Brüder, öffentlich mit Neid betrachtet? Offenbar
nicht. Erfolgreich arbeitende Unternehmer sind nicht umstritten. Es ist die Kaste der
oberen Manager, die sich selbst in den letzten Jahren unbedenklich desavouiert hat.
Korrupten Politikern und raffgierigen Gewerkschaftsbossen folgend, haben einige von
ihnen dafür gesorgt, dass die Leitfiguren der Wirtschaft mit Scharlatanen gleichgesetzt
werden, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen ihre luxemburgisierten
Vermögen und Abfindungen vermehren und zugleich die Entlassung von Arbeitern und
Angestellten als neue Freiheit zur Selbstverantwortung preisen.
Ich erinnere mich gut an meine jugendliche Frage: Warum verdienen denn die Direktoren
soviel? Nun, weil sie eine so große Verantwortung und das ganze Risiko tragen,
lautete damals, Anfang der Sechziger, die Antwort. Heute lacht die vereinte Republik
über derart naive Auskünfte.
Was seither entstanden ist, sind keine Feindbilder – wie meine Generation sie ’68
ziemlich pauschal entworfen hat. Was entstand, ist schlimmer: eine Oligarchie der Zyniker,
denen meines Wissens ein einziger deutscher Politiker eine schlüssige Argumentation
entgegenstellte: Heiner Geißler in seinem 1983 veröffentlichten Buch Kritik
der zynischen Vernunft. Bezeichnend, dass seine Argumentation ihn bereits vor zwei
Jahrzehnten den Parteifreunden suspekt gemacht hat. Er ist in seinem Denken einfach
nicht bestechlich genug.
Die Oligarchie derer, die via Kapital- und Marktsteuerung jederzeit die Zahl der
Arbeitslosen erhöhen und mit Arbeitsverlagerung ins Ausland drohen können, haben
längst mehr Einfluss auf die Politik, als der Demokratie gut tut. Ihre Dominanz wäre
vermutlich weiterhin stillschweigend akzeptiert worden, hätten nicht zwei Faktoren die
Lage geändert. Zum einen wurde die Erwartung an die rotgrüne Koalition in Berlin, bei
notwendigen Reformen auf soziale Gerechtigkeit zu achten, so gründlich enttäuscht,
dass man keine Neuauflage wollte. Zum andern haben die Oligarchen der Wirtschaft
sich in einer Weise selbst bedient und über jede Kritik daran derart flegelhaft hinweggesetzt,
dass sie inzwischen nur noch als gierig in jeder Hinsicht verschrien sind und
ihre Glaubwürdigkeit als Fachleute eingebüßt haben. Was ihnen dazu einfiel, war nur,
diejenigen, die auf ihre Gier hinwiesen, als Neider und Spießer zu denunzieren.
Die Selbstbeschädigung dominanter Personen in Wirtschaft und Politik ist von destruktiver
Wirkung auf die gesamte Demokratie. Ich halte diese Zerstörung von oben
für wesentlich gefährlicher als die Zerschlagungslust autonomer Gruppen an der Basis.
Flächendeckende Politikverdrossenheit ist noch die mildeste unter den sozialpsychologisch
erfassbaren Folgerungen.
Wer sich und sein Amt der Lächerlichkeit preisgibt, wie dies beispielsweise Ex-
bundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Koch in ihren Spendenaffären getan haben,
hat dem Ansehen unserer Demokratie und ihrer Institutionen vermutlich mehr geschadet
als alle Neonazis zwischen Eberswalde und Rosenheim. Von letzteren erwartet
man nichts anderes als dummdreiste Verlogenheit. Von einem Kanzler oder Ministerpräsidenten
jedoch muss das verlangt werden, was in der Staatslehre des Aristoteles
Arete (???????
) genannt wird. Ein Begriff, der Tugend und Tüchtigkeit, Können und Vortrefflichkeit
verbindet, und zusammengefasst als Vorbildlichkeit übersetzt werden
kann.
Wer als Staatsmann diese Arete durch Verlogenheit und windige Ausreden preisgibt,
ja sich von ihr trennt, indem er Geldgeschäfte im Interesse der eigenen Partei
falsch oder nicht angibt, der kann juristisch so unbelangbar sein wie ein Unschuldiger –
der Schaden, den er dem Ansehen der politisch verantwortlichen Klasse seines Landes
zugefügt hat, überragt jede zivil- oder strafrechtliche Dimension.
Darum fordert Aristoteles: Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass
durch Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet
sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann." Wenn nämlich „die
große Masse glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen,
dann schmerzt sie beides: von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein und vom
Gewinn.
Wenn heutzutage ein Lehrer seinen Schülern die Rechtssicherheit der Demokratie
nicht mehr als erstrebens- und erhaltenswert empfehlen kann, weil sie ihm mit sardonischem
Gelächter die Namen Kohl und Koch entgegenrufen; wenn sie ihm bei der Erörterung
des Grund-Gesetzes, dass Eigentum verpflichte, ein ganzes Register mit
Firmennamen vorhalten (Telecom, Siemens, Deutsche Bank, Electrolux) und begründet
darauf verweisen können, wie solche Firmen ihre Arbeitnehmer aus Lohn und Brot
und „der Politik vor die Füße werfen" – wie Herr Stoiber es treffend ausdrückt; dann
gerät diese Jugend in Gefahr, für ihre Begeisterungsfähigkeit und den altersgemäßen
Hochmut andere Felder zu suchen, wo sie etwas oder jemanden findet, dem sie Achtung
entgegenbringen kann.
Ich bin überzeugt, dass jede Generation hinter ihrer natürlichen Ablehnung von Autorität
nicht nur nach Identifikation mit selbst gewählten Leitfiguren strebt, sondern auch
nach Persönlichkeiten in der politischen Klasse sucht, die achtbar wären. Findet sich
die Arete aber nirgends, versagt Aristoteles zufolge auch die Erziehung. Und versage
sie, so erwachse daraus ein Schaden für die Verfassung.
Wie eigentlich soll man einem jungen Menschen von Anfang Zwanzig, der nach
Abschluss seiner Ausbildung keine sinnvolle Betätigung findet, beweisen, dass er in
der bestmöglichen aller Staatsformen lebt? Und selbst wenn er das in Bezug auf die
Freiheit noch glaubt – was soll er in Bezug auf die zweite Säule der Demokratie, die
Gleichheit, denken, wenn er sieht, wie Firmenvorstände, die aufgrund von Misswirtschaft,
Begünstigung, Vorteilsnahme oder Planungsunfähigkeit ihren Posten räumen
müssen, dabei Abfindungen in einer Höhe mitgehen lassen, die er vermutlich bis zum
Rentenalter nicht zusammenverdienen kann;
– was schließlich von der dritten Säule der Demokratie, der Gerechtigkeit, wenn
er doch weiß, wie Spendenvertuschung und Steuerhinterziehung geradezu
sportlich betrieben werden, weil nur der geringste Teil je einer juristischen
Ahndung anheim fällt;
– und was von der charakterlichen Eignung von Politikern, wenn er hört, dass
schwarze Gelder wahrheitswidrig als jüdische Vermächtnisse ausgegeben
werden, in der Hoffnung, die Justiz werde dann nicht nachfragen. Diese abgefeimte
Form des Antisemitismus, die den Holocaust als Tabuzone missbraucht,
hat ihren hessischen Urheber nicht einmal die Wählbarkeit gekostet.
Wird ein junger Mensch mit diesen Erfahrungen nicht zu Recht fragen: was bitte
soll an dieser Demokratie frei, gleich und gerecht sein? Wo ist da noch Vorbildlichkeit?
Warum soll das die beste gesellschaftliche Organisationsform sein? Und wofür soll ich
mich engagieren, wenn die Werte der Demokratie ihren Repräsentanten so wenig bedeuten?
Wir müssten längst in breitem Maße diese Diskussion führen, die durchaus zum
Vorteil der Demokratie zu bestehen ist, wenn wir die Schäden und die Schwächen benennen
und öffentlich auf Abhilfe sinnen.
Doch was geschieht?
Wir diskutieren den neuen Konsens der Großen Koalition, der nun, da wir ja alle
Deutschland sind, die Verwerfungen der Gesellschaft glattreden soll. Wer damit nicht
zufrieden ist, gerät erneut ins Lager der Neider.
Neid war schon immer das Schlag-Wort, mit dem es gelang, den Denkbann über
die notwendigen Fragen zu verhängen. Auch in den nicht bibelfesten Zeitgenossen erhält
sich geradezu archetypisch das Wissen vom Brudermord des Kain an Abel, der
aus Neid darauf geschah, dass Gott Abels Opfer annahm, das von Kain aber nicht.
Neid wird dadurch nicht nur als eine Schwäche unterstellt, die wir nicht eingestehen
wollen: wer möchte schon als missgünstig angesehen werden – sondern der Neider
gilt als gleichsam prädestiniert für Brudermord, den ersten und schlimmsten aller Morde.
Selbstverständlich wissen das diejenigen, die mit dem Wort Neid Erörterungen
ersticken wollen, deren Ergebnisse für sie nicht erfreulich wären. Da sie die Information
nicht kontrollieren können, streben sie nach Kontrolle über die Schlussfolgerungen.
Die Zustände liegen in Form von Zahlenwerken auf dem Tisch – man teilt uns ja
die Abfindungssummen für Inkompetenz oder Käuflichkeit in der Presse mit. Wir erfahren
genau, wie viele Angestellte von der Deutschen Bank in den Jahren immer neuer
Rekordgewinne entlassen worden sind. Wer aber die Zahlen in einen argumentativen
Zusammenhang bringt, wird bezichtigt, er schüre den Neid. Wo geschürt wird, muss
Glut sein, und wo Glut ist, war zuvor ein Feuer.
Wie wäre es denn, wenn man aus den Gewinnen des Geldinstituts, dividiert durch
die gleichzeitigen Entlassungen seines Personals, einen Zynismusfaktor errechnete?
Ich weiß, dass der sich eigentlich Dividende nennt. Aber der vorgeschlagene Begriff
träfe die Sache doch besser. Und vielleicht würden die Anleger des kürzlich geschlossenen
Immobilienfonds dann begreifen, welcher Art Institut sie ihr Geld anvertraut haben.
Wer nährt den Neid? Wer spielt mit dem Feuer? Wer sind die Neidproduzenten? Jene,
die wie ich hier darüber sprechen, dass der Titel Skandal für die uns allen bekannten
Tatsachen eine Verharmlosung ist – oder jene, die sich maßlose Jahreseinkommen
genehmigen lassen und dann noch erklären, verglichen mit amerikanischen Managern
seien sie arme Schlucker.
Wenn einige, weil sie allzu frech in die Kasse gegriffen haben, dann doch wie aus
Versehen vor einem Gericht erscheinen müssen, feixend und mit hochgestreckten Victory-
Fingern, habe ich den Wunsch, ihnen ein Gedicht von Erich Kästner vorzulesen;
Ansprache an Millionäre heißt es, weil Milliardäre damals nicht vorstellbar waren. Ein
Neidgedicht, in dem die Angesprochenen lesen: Warum wollt ihr solange warten, / bis
sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins
über den Schädel hauen? (...) Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern. / Ihr
habt das Geld und die Macht genommen. / Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, /
bevor sie kommen? (...) Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig. / Ihr sollt euch
keine Flügel anheften. / Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig. / Wir sprechen
von Geschäften. Das Gedicht, sehr viel länger und mit noch heftigeren strophischen
Drohungen, stammt aus den frühen Zwanziger Jahren.
Die politische These teilt Kästner mit Rolf Hochhuths McKinsey-Stück: die Akkumulation
von Geld und Einfluss in einer Oligarchie bei gleichzeitigen Einschnitten ins
Volkseinkommen führt notwendig erst zum Bedürfnis nach einem Aufstand gegen die
Oligarchen und schließlich zu kollektiver Gewalt.
Das will uns, vor allem in der Weise, wie Hochhuth es auf die Bühne gebracht hat,
trotz Verständnis für den zugrunde liegenden Zorn etwas naiv vorkommen. In der
Spaßgesellschaft ist weit und breit keine charismatische Person, kein revolutionärer
Text, geschweige denn eine Bewegung sichtbar, die sich in der Lage sähe, das wachsende
Potential an Zorn und Verbitterung zu einem Fanal zu bündeln. Auch sind die Institutionen
des Rechts hierzulande so intakt, dass Jakob Burckhardts These vom Tyrannenmord
nicht anwendbar ist. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das so
bleibt, ob der unterstellte Neid sich nicht sehr rasch in konkreten Neid verwandeln
kann, und was daraus folgen würde.
Die Politologin Antje Schrupp stellt in ihrer Untersuchung des Neidgefühls fest:
Neid, so wie er hierzulande kulturell verstanden wird, hat etwas mit Privilegien zu
tun und mit der Vorstellung, dass den Menschen die Dinge, die sie haben dürfen, irgendwie
zustehen müssen, dass sie ein Recht auf bestimmte Dinge haben und auf
andere Dinge nicht. (...) Neid entsteht dann, wenn die Zuteilung der Privilegien mit
diesen Rechten nicht übereinstimmt.
Das heißt: der Neid erwischt uns an der Schaltstelle zwischen Recht und Unrecht
in unserer Empfindung. Damit wäre er eine soziale Triebkraft auf dem Weg zur subjektiven
Gerechtigkeit – und genau so wird er in der linken Theorie auch gesehen. Alle
politischen und sozialen Errungenschaften verdanken sich dem kreativen Potential des
Neides. Nicht nur die Arbeiterbewegung – auch der Kapitalismus, dessen Motor, der
Wettbewerb, darauf beruht, dass jeder mindestens so viel haben will, wie der andere.
Um zu sehen, wie gut das funktioniert, genügt es, einige Werbespots im Fernsehen
auf ihre Wirkungsweise hin zu betrachten.
Jahrzehnte lang sicherte ein austariertes Gefüge von Maßnahmen den sozialen Minimalausgleich;
der Staat hatte ein Netz gespannt, für Erwerbslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit
waren Auffangsysteme eingerichtet, die dem Einzelnen das Gefühl
gaben, ein, so weit dies möglich ist, gesichertes Leben zu führen. Jeder war nach
Maßgabe seiner Fähigkeiten in die Pflicht für alle eingebunden – jedenfalls gemäß der
akzeptierten Theorie.
Dieses Gefühl verschwindet, seit der Schritt vom Kapitalismus zum Realkapitalismus
vollzogen wurde. Plötzlich werden Gewinne nicht mehr der Unternehmenssicherung
zugeschlagen, sondern in geradezu asozialem Maß argumentativ dafür benutzt,
im kommenden Jahr auf Kosten der Arbeitsplätze eine noch höhere Gewinnmarge anzustreben.
Gewinn durch Existenzvernichtung, heißt das Programm. Weg mit dem
Menschenballast. Die daraus entstehenden Kosten werden sozialisiert, mögen auch
die Leistungsmöglichkeiten der Gesellschaft dadurch überfordert werden.
Die Folgen dieser Verwahrlosung von Unternehmensmoral sind unvermeidlich: der
Staat muss seine gewährten Hilfen auf mehr Menschen verteilen, also pro Schicksal
verringern. Sinkende Steuereinnahmen schmälern die möglichen Leistungen noch einmal,
und die Unternehmen können in Ruhe zusehen, wie durch ihre Gewinnmaximierung
die Politik in Rechtfertigungsdruck gerät.
Die Parolen wechseln von den Sachzwängen zur Globalisierung, und die Tatsache,
dass die Schwächsten der Gesellschaft überhaupt keine Wahl haben, sich gegen
die Beschneidung ihrer Interessen zu wehren, dass man ihnen gleichsam mitten in der
Demokratie die Freiheit nimmt, wird mit der Formel bemäntelt: Freiheit ist die Einsicht
in die Notwendigkeit.
Kaum jemandem fällt noch auf, dass dies wortwörtlich die zynische Parole des
DDR-Realsozialismus gewesen ist, mit dem er sich gegen den individuellen Freiheits-
begriff der westlichen Demokratien abgesetzt hatte. Der Satz ist für Realkapitalisten
offenbar ebenso gut brauchbar.
Ist das nun bloß eine Verwirrung der Begriffe aufgrund einer verworrenen Vereinigung?
Wohl kaum. Es deutet eher auf eine Ähnlichkeit im Selbstverständnis von heutigen
Unternehmern und damaliger Nomenklatura: Die da unter müssen sowieso tun,
was wir hier oben beschließen; denn wir gestalten ihr Schicksal.
Die Behauptung, man könne Sachzwängen nur folgen, ohne sie vorher interpretieren
zu müssen; die Unterstellung, jeder Protest gegen das Verfahren der so genannten
Reformen entspringe dem Neid; die Preisgabe des Freiheitsbegriffs an eine, im
übrigen interessengesteuerte Definition von unausweichlichen Maßnahmen – all dies
ist nicht nur ein philosophischer Verstoß gegen die Demokratie-Voraussetzungen, wie
Aristoteles sie erarbeitet hat.
Es ist zugleich die Bankrotterklärung sozialdemokratischer Politik. Man stelle sich
nur einmal vor, die Sozialdemokraten hätten das Glück gehabt, in solcher Lage aus
der Opposition heraus argumentieren zu können. Ihre gesamte Rhetorik hätte ausgetauscht
werden müssen. Was nicht heißt, ich wünschte mir für die Reformen einen
noch konservativeren Vollzug. Man wird sehen, auf wessen Kosten der neue Konsens
geht.
Ich nehme den üblichen Einwand vorweg und gebe zu: nein, besser machen kann
ich es freilich nicht. Ich habe mich wohlweislich niemals an eine solche Stelle wählen
lassen. Das heißt nicht, Augen, Ohren und Mund zu verschließen. Vergessen wir nicht:
Aristoteles war kein Staatsmann, er hielt Vorlesungen. Er dachte nach. Er beobachtete,
zog Folgerungen. Und behielt stets die Zukunft, also die Jugend, folglich die Frage
der Erziehung im Blick.
Die empfindlichste Stelle der Demokratie sind die Demokraten. Das heißt, die Demokratie
bedarf einer Mehrheit von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Das griechische
Wort dafür heißt kritikós (????????). Demokraten müssen kritisch sein können.
Das bedeutet, sie bedürfen hinreichender Kenntnisse und der Fähigkeit, sie anzuwen-
den. Hierfür braucht es Geistesbildung. Demokratie ist durch Dummheit in Gefahr zu
bringen. Mit Bildung meine ich nicht die Anhäufung von für kanonisch erklärten Kenntnissen
– die allerdings nicht schadet. In meinem Verständnis ist Bildung die Verwandlung
von Wissen in Bewusstsein.
Rund hundert Jahre vor Aristoteles hat Demokrit von Abdera, der die schönsten
Sätze der Antike über die Erziehung verfasst hat, gesagt: Bildung ist den Glücklichen
Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Er war es auch, der wusste: Es gibt gelegentlich
Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten. Aber seinen unauffälligsten
Satz – Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage – greift die Bildungstheorie
des Aristoteles auf, wo er sagt: Man muss in jeder Fähigkeit und Kunst
zur Ausübung vorgebildet und vorher geübt worden sein, und so offenbar auch für
das tugendhafte Verhalten.
Daraus leitet er das Schulmonopol des Staates in der Demokratie ab: Dass sich
der Gesetzgeber in erster Linie um die Erziehung der Jungen kümmern muss, wird
wohl niemand bestreiten. Wo es in den Staaten nicht geschieht, da erwächst auch
ein Schaden für die Verfassung. Die Menschen müssen ja im Hinblick auf die jeweilige
Verfassung erzogen werden.
Ich glaube, es ist nicht nötig, auszuführen, worin der Gegensatz zwischen unserer
Lage im Bildungssystem und den genannten Grundforderungen besteht. Auch dass die
Erziehungsaufgabe des Staates nicht den Vorrang hat, den sie haben müsste, weiß
jeder. Ebenso, dass Schule nicht Ersatz bieten kann für das Gespräch am häuslichen
Tisch, das vielerorts verstummt ist. Die Lebensbildung findet nach wie vor in der Familie
statt. Wo in dieser aber nicht mehr der Austausch zwischen Elternerfahrung und
Kinder-Neugier vorherrscht, sondern gemeinsames Stummsein vor der Glotze die Regel
ist, wird der Schule das Gespräch überlassen. Sie aber kann das fehlende gleichsam
automatische Lernen im Familienalltag nicht ersetzen.
Etwas will ich hier noch hinzufügen, das bei Aristoteles, vermutlich weil es so
selbstverständlich war, nicht vorkommt: Demokraten bedürfen der Phantasie. Sie
müssen nämlich in der Lage sein, Alternativen zum augenblicklichen Zustand zu erdenken,
zu gestalten oder zu verwerfen. Von dieser Bewegung lebt Demokratie. Andernfalls
verfällt sie zu einem bloßen Wettstreit um Besitzstands-Wahrung.
Die Phantasie nun, mit der jeder Mensch geboren wird, ist nicht beliebig verfügbar,
sie muss trainiert werden wie ein Muskel. Neurophysiologen sagen: das beste Training
ist Lesen.
Auch hierzu muss ich keine weitere Beschwerde führen, jeder weiß, wie es darum
steht und was die Folgen sind. Nur so viel an eigener Beobachtung: Lese ich an Schulen
aus meinen Büchern, soll sich zumeist ein Gespräch anschließen, das ich gern führe.
Zunehmend lästig wird, dass wir uns auf nichts mehr verständigen können. Selbstverständlich
ist das keine Frage der Intelligenz. Im Gegenteil, mir kommen die Schüler
schneller, wendiger im Geist vor, als wir es waren. Was fehlt, sind Kenntnisse, auf deren
Grundlage wir kommunizieren könnten. Nicht einmal die Geschichten des Alten und
des Neuen Testaments lassen sich mehr voraussetzen. Komme ich auf Sagen, auf
Märchen zu sprechen, rede ich in blanke Gesichter.
Man kann der Ansicht sein, dies sei nur ein Problem der Literatur, die sich ja, weil
sie anders nicht kann, immer bezieht auf die Fülle der sprachlichen Kultur und ihre vorangegangenen
Autoren. Wenn das nicht mehr verstanden wird, wenn also unser
Schreiben auf keinen Kontext in den Köpfen der Leser mehr trifft – dann bleibt bloß
noch Zeitvertreibliteratur.
Es geht mir aber nicht um die Frage, ob wir vielleicht vor dem Ende der Literatur
stehen, sondern darum, wovon das Gespräch zwischen den Generationen handeln
kann. Regelmäßig frage ich Schüler nach dem, was nötig sei für persönliches Glück.
Es kommt dann der übliche Katalog, immerhin stets beginnend mit einer gelungenen,
erfüllenden Beziehung. Gesetzt den Fall aber, dass all das nicht eintrifft? Keine Liebe,
keine schönen Dinge, kein Geld, kein Haus, keine Reisen? Wenn wir dann alle aufgezählten
materiellen Glücksattribute zurückgewiesen und abgelegt haben – was ein
schöner Grundkurs in Phantasie ist – geraten wir oft in ein längeres Gespräch über
das, was uns niemand nehmen kann, was wir in uns tragen an Musik, Bildern, Ge-
schichten. Hier kann man hören, wie viel diese junge Generation eigentlich könnte: so
klug und sanft über das Leben nachdenken konnten wir in diesem Alter nicht. Durch
solchen Diskurs kommen wir zurück auf die Frage der Bildung, und ich greife zu meinem
Demokrit: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht.
Nun wissen vielleicht manche besser, wie hilfreich es sein kann, im Kopf Bücher mit
sich herumzutragen.
Es ist ein ebenso großes Verbrechen an den Jugendlichen, sie nicht an die Möglichkeiten
ihrer Phantasie heranzuführen wie ihnen keine Ausbildungsplätze anzubieten. Es
ist ein Verbrechen, kein Versäumnis. Es ist, als ob man ihnen ein Bein oder einen Arm
abschlüge. Und es ist für den Bestand der Demokratie geradezu grob fahrlässig,
wenn wir Wähler heranwachsen lassen, die aufgrund mangelnder Bildung und mangelnder
Phantasie ihre möglichen Fähigkeiten zur Entscheidung verfehlen.
Täuschen wir uns nicht: je geringer die Lust an der Ausübung des Wahlrechts, umso
stärker die mögliche Attraktion simpler, scheinbar griffiger Politikmodelle. Ideologie
und Gewalt profitieren stets von Ratlosigkeit, Neid, Verzweiflung, Bildungsmangel und
ungerichteter Begeisterungsfähigkeit.
Es muss daraus keine Bewegung entstehen. Schon wachsende Unruhe kann eine
Demokratie an den Rand ihrer Selbstzerstörung treiben, weil sie zum eigenen Schutz
Methoden ergreift, die ihre Freiheitlichkeit beschädigen. Ich erinnere mich gut an die
späten Siebziger, als die Bundesrepublik zur Bekämpfung der RAF sich fast in jenen
Staat verwandelte, den die Terroristen sich als Feindbild erfunden hatten. Auch heute
gilt: wirksame Terror-Bekämpfung beschädigt immer zugleich die bürgerlichen Freiheiten.
Also muss auch hier der vorauslaufenden politischen Vermeidung von Gewalt alle
Priorität zukommen. Aber das ist ein anderes, weites Feld. –
Nehme ich abschließend zusammen: den Übermut der Ämter mit dem Zynismus der
Funktionäre; den Verlust von Vorbildlichkeit in der Politik mit der Schwäche der demokratischen
Institutionen; die Bildungsmisere mit dem Chancenmangel der jungen Generation
– dann kann ich nicht anders: ich muss daraus Alarmzeichen lesen und sie auch
so benennen. Nicht aus Neid auf die Milliardäre. Nicht aus Nostalgie für die Revolte
meiner Jugendzeit. Sondern aus Sorge. Ich möchte gern gewissenhaft und mit dem
notwendigen Maß an Rechtssicherheit und Ruhe nachdenken dürfen und, auf der Kraft
des Wortes insistierend, meinen Beruf ausüben. Ich bin nicht bereit, für ein paar Spitzenegoisten
und die Laufruhe ihrer Zwölfzylinder das Feuer an meiner Haustür zu riskieren.
Ich bin ein spießiger Demokrat. Nicht neidisch. Aber an Frieden interessiert.